Foto: Silvia Wolf, 2026
Prof. Dr.-Ing. Thomas Stieglitz ist Professor für Biomedizinische Mikrotechnik am Institut für Mikrosystemtechnik (IMTEK) der Universität Freiburg. Seine Forschung verbindet Mikrosystemtechnik und Medizin mit einem besonderen Schwerpunkt auf Neurotechnologie und Neuroprothetik. Als Sprecher der Fachgruppe Mikromedizintechnik bei microTEC Südwest bringt er seine langjährige Erfahrung in das Netzwerk ein. Im Interview spricht er über seine aktuelle Arbeit, Entwicklungen in der Mikromedizintechnik und die Bedeutung des fachlichen Austauschs innerhalb der Fachgruppe.
Sie sind Professor für Biomedizinische Mikrotechnik am IMTEK. Welche Themen beschäftigen Sie aktuell in Ihrer Forschung und Arbeit besonders?
Die Langlebigkeit aktiver Implantate im Kontakt zum Nerven beschäftigt mich aktuell in doppelter Hinsicht: Auf der einen Seite der Frage steht das Implantat und seine Versagensmechanismen. Wie kann ich verstehen warum etwas technisch-materialwissenschaftlich versagt und was kann ich dagegen mit Methoden der Ingenieurwissenschaften tun? Auf der anderen Seite ist die Frage, wie das Implantat die Fremdkörperreaktion des Körpers beeinflusst und was ich machen muss, damit die Fremdkörperreaktion nur so groß ist, dass sie das Implantat fixiert aber nicht in seiner Funktionsfähigkeit behindert. Bei dauerhaften Implantaten darf die Anwesenheit des Implantates keine Folgeschäden im Körper hervorrufen. Hier arbeiten wir mit der Medizin zusammen und benutzen auch DNA-Analytik, um Zusammenhänge aufzudecken.
In Ihrer Arbeit treffen Mikrosystemtechnik und Medizin unmittelbar aufeinander. Wo sehen Sie aktuell besonders spannende Möglichkeiten, wie mikrotechnische Lösungen die Medizin weiterentwickeln können?
Es ist schon viel über Miniaturisierung und daraus erwachsende Möglichkeiten für medizinische Diagnostik und Therapie gesagt worde. Ich möchte einen anderen Aspekt hervorheben. An denjenigen Stellen im Körper und allen zugehörigen Prozessen, in denen elektrische Signale involviert sind, können Mikrosysteme diese elektrischen Signale aufzeichnen oder mit Hilfe von elektrischer Stimulation überschreiben. Da nahezu alle Prozesse im menschlichen Körper an einer Stelle eine elektrische Signalübertragung enthalten, bietet sich hier ein neuartiger Zugang zu Diagnostik, Therapie und Rehabilitation.
Sie sind Sprecher der Fachgruppe Mikromedizintechnik von microTEC Südwest. Was macht für Sie den besonderen Reiz dieser Fachgruppe aus?
In der Fachgruppe kommen Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und Zielsetzung zusammen. Akademia und Unternehmen aus den Bereichen Medizinproduktehersteller, Zulieferer und Systemhäuser bringen unterschiedliche Sichtweisen ein. Die Fachgruppe bietet Heimat für dieses Ökosystem und hilft aus Kontakten Kooperationen entstehen zu lassen.
29. und 30. Fachgruppensitzung Mikromedizintechnik
Welche Themen und Fragestellungen beschäftigen die Fachgruppe derzeit besonders? Gibt es Entwicklungen, die Sie gerne noch stärker in den Mittelpunkt des Austauschs rücken möchten?
Über die Themen der Fachgruppentreffen entscheidet nicht das Sprecherteam sondern alle Mitglieder. Hier kommen Anfragen in Hinblick auf Energieversorgung, Bioverträglichkeit aber auch Zulassungsthemen auf die Agenda. Ich persönlich wünsche mir, dass noch mehr Unternehmen der Region sich engagieren und die Fachgruppe als ihre Heimat für das medizintechnische Ökosystem im Südwesten auswählen.
Wenn Sie in die Zukunft blicken: Welche Entwicklungen könnten die Mikromedizintechnik in den kommenden Jahren besonders prägen? Wo sehen Sie persönlich ethische Grenzen?<
Der Blick in die Glaskugel ist schwierig, insbesondere wenn sie die Zukunft betrifft. Im Moment wird viel über Computer-Hirn-Schnittstellen in den Medien berichtet. Dieses Thema ist „heiß“, es gibt viele neuartige Möglichkeiten. Die Firma CorTec aus Freiburg hat gezeigt, dass eine Schlaganfallrehabilitation in Kombination von Hirnimplantat und Physiotherapie weit über die etablierten Möglichkeiten hinaus Erfolg aufweist. Persönlich sehe ich meine Grenze bei implantierbarer Medizintechnik dort, wo keine medizinische Indikation mehr vorliegt und Anwendungen im Bereich „Life Style“, persönliche Leistungsfähigkeitssteigerung oder andere Formen des „Enhancements“ versprochen werden.

Und wo möchten Sie die Fachgruppe Mikromedizintechnik in den nächsten Jahren hinführen? Welche Themen würden Sie als Sprecher gerne weiter voranbringen?
Ich würde die Fachgruppe gern als Heimat für diejenigen Medizintechnikunternehmen und akademischen Stätten im Südwesten sehen, die Methoden und Komponenten aus dem Bereich Mikrotechnik verwenden, wobei ich bei „mikro“ nicht so kleinlich bin. Ich würde die Gruppe gern auch im Hinblick auf Zulassung und Kostenerstattung weiterentwickeln, dass wir hier gemeinsam mit Firmen ein Sprachrohr werden, um mitzuhelfen, neuartige Medizinprodukte schneller zu denen zu bringen, die sie dringend benötigen.
zur Person:
Prof. Dr.-Ing. Thomas Stieglitz
Professor für Biomedizinische Mikrotechnik
Institut für Mikrosystemtechnik (IMTEK) und BrainLinks-BrainTools Center, IMBIT // NeuroProbes, Universität Freiburg
Schwerpunkte: Neurotechnologie, Neuroprothetik, Implantate und Biomedizinische Technik
Mehr Informationen zur Fachgruppe Mikromedizintechnik:
Lesen Sie den Rückblick zur Fachgruppensitzung vom 22.09.2026: Zum Rückblick
Die Fachgruppe im Überblick: Zur Fachgruppe
Julia Mahl
Marketing
Tel.: + 49 761 386909-27
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Sie haben News, Pressemitteilungen oder Events, die Sie gerne bei uns veröffentlichen würden? Sprechen Sie uns einfach an.